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Architektur in Wien
Wien hat ein intaktes und geschlossenes Stadtbild
Als Hauptstadt der einstigen Monarchie verkündet es von diesem Erbe ebenso wie von der Lebendigkeit und
Attraktivität einer pulsierenden heutigen europäischen Großstadt. Damit sind nicht einzelne Monumente und
Spitzenleistungen der Architektur der Vergangenheit und Gegenwart gemeint, sondern eine Art allgemeines
urbanes Empfinden, ein Gefühl für einen erlebbaren städtebaulichen Maßstab. Wien wäre aber nicht so, wenn
es nicht durch wichtige Spitzenleistungen der Architektur jenes Niveau erreicht hätte, das die Stadt heute
so attraktiv macht.
Wien ist eine Zwiebel
Viele nennen Wien eine einzigartige Zwiebel, jede ihrer rund ums älteste historische
Zentrum angelagerten städtischen Schichten ist gleich wichtig für den gesamten Geschmack der Stadt. So ist
in Wien die gesamte Tradition der europäischen Stadt vorhanden, von der römischen Gründung
über die Gotik bis zu Barock und Gründerzeit. Und Wien ist heute immer noch eine Stadt mit präsenter
Geschichte. Dafür bieten die obligaten touristischen Institutionen die bewährten Besichtigungen, vom gotischen
Stephansdom über das barocke Schloss Schönbrunn und vom Schloss Belvedere
bis zum Gesamtkunstwerk der Ringstraße.
Vom Fin de Siècle zum Roten Wien
Weltweit einzigartig ist die Wiener Architektur der vorletzten Jahrhundertwende. Das
Wien des „Fin de Siècle“ war schlechthin das Laboratorium der Moderne. Man war also nicht
in Wien, wenn man Otto Wagners Postsparkasse nicht besichtigt hat. Sie ist mit ihrer
Funktionalität und ihrer beeindruckenden Glas-Stahl-Konstruktion der Kundenhalle ein weltweit gefeiertes
Monument. Wagners revolutionäre Steinhof-Kirche und die Stationen der Stadtbahn sind weitere
Ergänzungen, um das Wien der Geburt der Moderne zu verstehen. Selbstverständlich darf man auch das Gebäude
der Wiener Secession von Wagner-Schüler Joseph Maria Olbrich nicht übersehen.
Jenseits und mit Otto Wagner war das Wien dieser Zeit ein enormes Kraftfeld kreativer
Genies. Oskar Kokoschka, Peter Altenberg, Gustav Klimt, Egon Schiele, Sigmund Freud, Karl Kraus und
mittendrin Adolf Loos, der Architekt. Ein Kultur- und Lebensreformer mit polemischem
Potential. Sein provokantester Bau, das „Loos-Haus“ am Michaelerplatz, gegenüber der
Hofburg, das damals den Kaiser veranlasste, alle Fenster mit Blick darauf zu verschließen, ist heute eine
Bank und in den Publikumsbereichen zu den Öffnungszeiten auch zugänglich. Ein Pflichtbesuch für
Architekturtouristen ist zudem das Bekleidungsgeschäft Kniže von Adolf Loos am Graben,
das bis heute in seiner Substanz bewahrt ist, und auch den kulturellen Geist von Loos weiter pflegt.
Obligat ist nächtens der Kurzbesuch in der vorbildlich renovierten Loos-Bar im Kärntner-Durchgang.
Adolf Loos arbeitete auch für die Wiener Siedlerbewegung. Damit sollten die elementaren Bedürfnisse der
Wiener nach dem Ersten Weltkrieg ganz unmittelbar befriedigt werden. Doch die neue sozialdemokratische
Stadtverwaltung verfolgte ein anderes Ziel. Die „Superblocks" des Roten Wien waren als eigene Städte in
der Stadt gedacht. Die berühmteste städtebauliche Großform der Wiener Superblocks ist sicherlich der
„Karl-Marx-Hof", aber die größte „Stadt" des Roten Wien ist der „Sandleitenhof". Es ist
bis heute beeindruckend und einmalig, wie das arme Wien der Zwischenkriegszeit dieses
soziale Programm kompletter Stadtteile mit einer umfassenden Infrastruktur verwirklichte.
Die Moderne - zuerst verdrängt und dann vertrieben
Die moderne Architektur als Form und Stil hat in Wien ein singuläres
Beispiel. Ludwig Wittgenstein, der Philosoph des Rationalismus, hat für seine Schwester ein „Palais“ gebaut.
Mit mathematischer Konsequenz, der nackten Form des Raums verpflichtet. Ein Manifest, das heute vom
bulgarischen Kulturinstitut als „Wittgenstein-Haus" genutzt wird.
Die wirklich wienerische Variante der Moderne aber ist in der Wiener Werkbundsiedlung realisiert. Die
einzelnen Häuser von Loos, Rietveld, Hoffmann, Plischke, Neutra, etc. sollten Wohnmodelle
sein und keine technologischen oder funktionalen Manifeste. Josef Frank, der Initiator dieser Siedlung,
wollte als Schüler von Loos eine neue moderne Wohnkultur mit sparsamen Mitteln in Kleinhäusern ausstellen.
Doch die Wiener Werkbundsiedlung, 1934 vollendet, kam spät, der Austrofaschismus, der österreichische
Ständestaat, hat die Entwicklung der Moderne in Wien beendet. Josef Frank emigrierte nach Schweden und
begründete dort mit seinen Möbelkollektionen den weltweit erfolgreichen „skandinavischen Möbelstil“.
Was 1934 begann, wurde 1938 vollendet. Die Wiener Moderne musste emigrieren. Eine ganze Generation
talentierter Architekten und aufgeschlossener Bauherren wurde vertrieben, deren Wohnungen, Häuser und
Grundstücke enteignet. Hitler hasste Wien, und so hinterließ die Nazi-Zeit nur wenig gebaute Spuren. Als
Mahnmale sind die sechs Flaktürme noch heute im Stadtbild sichtbar. Die Nachkriegszeit der
Wiener Architektur war zunächst geprägt von einer Kontinuität bei Architekten
und in der Stadtverwaltung. Im Widerstand dazu versuchte eine junge Gruppe von Architekten mit Manifesten
und Ausstellungen an die Leistungen der Vorkriegszeit und der Jahrhundertwende anzuknüpfen.
Die Avantgarde der wilden 1960er-Jahre
Für internationale Aufmerksamkeit sorgten in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts visionäre
Entwürfe von Architekten und Künstlern, die als „Austrian Phenomenon" bezeichnet wurden. Walter Pichler,
Hans Hollein und die Gruppen HausRuckerCo, Coop Himmelblau, Missing Link, etc. konzentrierten mangels
konkreter Bauaufgaben ihre ganze Kreativität in Projekte und Installationen. Die Träume der
avantgardistischen Architekten Wiens konnten sich in den folgenden Jahren nur in kleinen Aufgaben, in
Restaurants und Geschäften, realisieren. Zu Symbolen wurden Hans Holleins Kerzengeschäft
„Retti" und die vielen, bis heute erfolgreichen Lokale von Hermann Czech - Kleines Café,
Wunderbar, Salzamt, etc. - kleine Manifeste der Architektur
mit jeweils großer intellektueller Botschaft.
Die Rettung der Stadt
Die neue und zeitgenössisch bedeutende Wiener Architektur in großem Maßstab erwachte erst
in den 1980er-Jahren. Neue Siedlungen und Wohnanlagen entstanden mit
Engagement und oft im Stil der Postmoderne, die bewusst historische Analogien und Bezüge herstellen wollte.
Gleichzeitig führte dies auch zur Wiederentdeckung der historischen Substanz von Wien. Legendär wurde schon
in den 1970er-Jahren die Rettung des vom Abriss bedrohten „Spittelberg"-Ensembles. Dies führte in der Folge
zu einer erhöhten politischen und öffentlichen Aufmerksamkeit für historisch wichtige Gebiete und
Gebäude. Eine Entwicklung, die Wien seine historische Identität sicherte.
Ungefähr ab Mitte der 1980er-Jahre begann eine verstärkte positive Einflussnahme der Politik auf die
Wiener Architektur. Symbol dafür ist das so genannte „Haas-Haus" von Hans
Hollein neben dem Stephansdom. Sein Entwurf für den Neubau war zunächst heftig umkämpft.
Dennoch sorgte dies für eine erhöhte Aufmerksamkeit für zeitgenössische Architektur in Wien.
Auch ein relativ kleiner Dachausbau in der Inneren Stadt sorgte für Aufregung. Coop Himmelb(l)au realisierten
für eine Anwaltskanzlei eine dekonstruktivistische Skulptur, die ein klares Bekenntnis zur Zeitgenossenschaft
manifestierte.
Der Erfolg der neuen Wiener Architektur
In den neunziger Jahren setzte eine große Wende in der Stadtgeschichte ein. Der Fall des „Eisernen
Vorhangs", die Ostöffnung, bot der bis dahin ständig schrumpfenden Stadt Wien erstmals seit
den 1920er-Jahren Grund zu neuen Hoffnungen des Wachstums. Ein einzigartiges „Schulbauprogramm“
wurde beschlossen, das viele engagierte Architekten zu originären Lösungen animierte. Und
auch der viel gerühmte soziale Wohnbau in Wien konnte in Verbindung mit engagierten
Bauträgern und innovativen Architekten neue Modelle entwickeln, die anhaltend
weltweit bewundert werden.
Dazu gehören Einzelbeispiele wie die „Sargfabrik", ein international gefeiertes Wohnmodell.
Im Süden Wiens entstanden die „Wienerberg-City“ mit den Twin Towers von Massimiliano Fuksas
und das Wohnprojekt „Monte-Laa“, und als Neuverwertung eines alten Industrieareals der
besonders innovative Wohnbau „Kabelwerk“. Spektakulär war auch die beispielhafte Umnutzung
der alten Gasometer mit Wohnungen nach Entwürfen der Architekten Jean Nouvel, Coop Himmelb(l)au, Manfred
Wehdorn und Wilhelm Holzbauer, einer Shopping-Mall, einer Rock-Halle und dem Archiv der Stadt Wien - ein
urbanes Zentrum, das die umgebenden Flächen einer alten Industriebrache zu neuem Leben erweckt hat. Dies
zeigt sich am „liegenden Sky-Scraper“ von Günther Domenig, der als Zentrale von T-Mobile ein signifikantes
Landmark bildet.
Das ehrgeizigste Kulturprojekt der vergangenen Jahrzehnte war das MuseumsQuartier Wien.
Noch in den 1980er-Jahren beschlossen der Bund und die Stadt Wien, das innerstädtische
Gelände der kaiserlichen Hofstallungen (das seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts als
Messegelände genutzt wurde) als Standort für neue kulturelle Institutionen zu widmen. Nach vielen
lokalpolitischen Kämpfen wurde von 1997 bis 2001 das Projekt MuseumsQuartier der Architekten
Ortner+Ortner verwirklicht. Gedacht als neu geöffnetes Stadtviertel, in dem heute
in Alt- und Neubauten das Leopold Museum, das Mumok (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig),
die Kunsthalle Wien, das Kindermuseum ZOOM, Dschungel Wien – Theaterhaus für junges Publikum, das
Tanzquartier Wien, das Architekturzentrum Wien und viele andere kulturelle Angebote samt Gastronomie
Platz gefunden haben.
Das größte Stadtentwicklungsprojekt Wiens ist die so genannte „Donau-City“.
Vor der UNO-City, sollte als Entlastung für die Innere Stadt ein neuer Stadtteil mit Wohnen, Freizeit und
viel Büroflächen entstehen. Als Nachnutzung einer Weltausstellung 1995, die jedoch per Volksabstimmung
abgesagt wurde - also wurde die Nachnutzung ohne EXPO realisiert. Und inzwischen ist die Donau-City ein
boomender Standort geworden. Selbst als Wiener ist man überrascht, wie sich hier in wenigen Jahren eine
richtig sehenswerte Skyline mit respektablen Hochhäusern und einem attraktiven Wohngebiet
entwickelt hat.
Somit hat auch Wien die Modernisierung der europäischen Stadt in den 1990er-Jahren erreicht.
An vielen Orten entstanden neue Bürohausprojekte, ein Millennium-Tower am Donauufer überragt
inzwischen um 202 Meter die Stadt. Mehr als ein Dutzend das Stadtbild prägender Projekte wurden in Wien
entwickelt. Die Stadt lebt. Aber sie hält auch inne und besinnt sich ihrer Geschichte. Am Wiener Judenplatz
in der Inneren Stadt ist ein Holocaust-Mahnmal der britischen Künstlerin Rachel Whiteread zu besichtigen,
ergänzt mit einem Museum einer mittelalterlichen Synagoge und einer Platzgestaltung der Architekten
Jabornegg+Pálffy. Ein berührender Ort der Besinnung und Erinnerung ist hier entstanden.
Niemand zweifelt an der Schönheit des gewaltigen historischen Erbes der Architektur der Stadt
Wien, aber sie ist selbstbewusst und stark genug, um von diesem Erbe ausgehend die heutigen und
zukünftigen Qualitäten der Architektur und Stadtentwicklung zu sichern.
Quelle: WienTourismus
Autor: Dietmar Steiner, Direktor Architekturzentrum Wien
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