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Faschingsbälle in Wien
Einst und heute
Der Wiener Opernball
Majestät waren ungnädig. Kaiser Franz Josef beschied die Bitte der Künstler des k. k. Hofoperntheaters
abschlägig. Hätten sie doch gern in „ihrem“ 1869 gerade fertig gestellten Opernprachtbau am Ring ein Tanzfest
abhalten wollen. So fand der erste „Ball in der Hofoper“ in dem ebenfalls neu erbauten
Gebäude des Musikvereins statt. Einem nicht minder prunkvollen Bau, in dem heute noch die Wiener
Philharmoniker ihre Konzerte geben – und inzwischen auch ihren Ball. Die „allerhöchste
Erlaubnis“ zu einer „Soiree“ im neuen Opernhaus kam erst 1877, aber mit der Einschränkung: kein Tanz! Doch
die Wiener fanden ein „Hintertürchen“ zu später Stunde. Das „Wiener Fremdenblatt“ berichtete: „(...) es ging
anfangs recht schwer, aber Wienerblut und Wienermut hielten stand, (...) nach Mitternacht gab es den ersten
regelrechten Tanz im Festsaal unseres Opernhauses.“
Die Wiener „Tanzwut“ hatte gesiegt. Der Bazillus war nach den legendären
Tanzfesten des Wiener Kongresses 1814/15 auf breite Kreise übergesprungen. Die Zahl der von
Künstlern arrangierten Bälle, auch in den Redoutensälen der kaiserlichen Hofburg, nahm zu. Johann Strauß
wurde mit seinen Walzern so bekannt, dass er ab 1835 das Amt des „Hofballmusikdirektors“
erhielt. Der gleichnamige Sohn übertraf seinen Vater noch an Beliebtheit: Die Wiener ernannten ihn zum
„Walzerkönig“. Seinen größten Hit landete er 1867 mit dem inzwischen zur heimlichen
österreichischen Staatshymne aufgestiegenen Walzer „An der schönen blauen Donau“, der natürlich auch heute
noch auf keinem Wiener Ball fehlen darf.
Der Untergang der Habsburger-Monarchie 1918 konnte die imperialen Ballfeste in der Oper nur
kurzfristig bremsen. Schon drei Jahre später erklang hier wieder das Kommando „Alles Walzer“. Erst Hitler
machte dem seit 1935 „Wiener Opernball“ genannten Nationalereignis den Garaus. Nach dem
Zweiten Weltkrieg konnte in der wieder aufgebauten Staatsoper im Februar 1956 der Opernball seine Tradition
fortführen. Seither ist der Opernball Jahr für Jahr ein Staatsakt: Der Ministerrat erhebt
das Ereignis per Beschluss zum offiziellen „Ball der Republik“.
Es ist wie zu Zeiten Kaiser Franz Josefs: Unter Fanfarenklängen erscheinen, mit allen Orden geschmückt, das
Staatsoberhaupt und die österreichische Bundesregierung in der Mittel-Loge der Staatsoper. Just an jenem Ort,
der einst dem Kaiser vorbehalten blieb. Stehend lauschen die 5.000 Besucher des Opernballs –
die Damen in großer Abendrobe, die Herren ausschließlich im Frack – den Klängen der österreichischen
Bundeshymne und der Europahymne. Ein feierliches Bild. Die Balltradition in Wien ist ungebrochen, nicht nur
beim Opernball.
Die Glanzereignisse der Wiener Ballsaison
In der österreichischen Hauptstadt finden jährlich mehr als 300 Bälle statt, mit jeweils
200 bis 5.500 Besuchern. Wo gibt es das sonst in Europa? Bei dieser Größenordnung bedarf es einer ausgefeilten
Organisation, besonders für die Nobelbälle. Denn sie alle laufen nach bestimmten
Traditionsregeln ab. Zuallererst gibt es jeweils ein Ballpräsidium, an dessen Spitze oft Frauen stehen,
die als erfahrene Managerinnen die Seele des Balls sind. Im zusätzlichen Ehrenpräsidium sind hochrangige
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens versammelt. Den Ehrenschutz für die Nobelbälle übernimmt meist der
österreichische Bundespräsident. Alle Namen erscheinen in der Balleinladung, einem Heftchen, das zudem über
Zeitpunkt und Ort, vorgeschriebene Kleidung sowie den Programmablauf Auskunft gibt, und natürlich über den
Eintrittspreis. Richtig teuer sind beim Opernball die Logen, um die es aber – trotz der
9.500 bis 17.000 Euro – ein enormes Gerangel gibt. Die anderen Nobelbälle, etwa in der imperial-vornehmen
Hofburg, sind wesentlich günstiger.
Zur Wiener Ballkultur gehört zwingend die festliche Kleidung. Da wollen alle Nobelbälle
wenig Kompromisse machen: Lang sollte die Damenrobe möglichst schon sein und bei den Herren, bitteschön,
wäre Smoking angesagt. Beim Opernball reicht auch dies nicht – ohne Frack geht gar nichts.
Erstaunlich ist, wie viele junge Ballbesucher sich gern diesem Reglement fügen. Aus der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts überkommen ist eine kleine Aufmerksamkeit, die heute noch auf all diesen Bällen am Eingang
überreicht wird: die Damenspende. In den Jahrzehnten der Monarchie waren es aufwendig gearbeitete Kleinodien
des Kunsthandwerks, etwa ein Perlmutt-Fächer. Heute kann es eine elegante Damenuhr sein, eine Bonbonniere
oder eine CD, aber auch wie in den Anfangszeiten eine künstlerisch gestaltete Tanzkarte, in die der Herr
damals eine Tanzreservierung eintrug. Im Zeitalter der Gleichberechtigung gibt es auf einigen Bällen nun auch
eine Herrenspende.
Das Zeremoniell der Traditionsbälle
Das wichtigste Zeremoniell aller Traditionsbälle ist die Eröffnung durch das Jungdamen-
und Herrenkomitee. Die Mädchen, die erstmals einen Ball eröffnen, heißen „Debütantinnen“. Mit dem „Debüt
geben“ vollzieht sich ein altes, aus der Monarchie überkommenes Ritual des Erwachsenwerdens: die Einführung
in die Gesellschaft. In langem Weiß mit dem obligaten Krönchen im Haar, den langen, weißen Handschuhen sowie
dem kleinen Blumenstrauß in der Rechten, schreiten sie am Arm ihres befrackten Kavaliers auf die Tanzfläche.
Meistens zu den Klängen der Fächer-Polonaise, jenem Opus 525 des k. k. Hofball-Musikdirektors Carl Michael
Ziehrer, das bei fast jeder Balleröffnung gespielt wird. Am Ende des feierlichen Rituals
steht natürlich ein Walzer – aber bitte unbedingt linksherum getanzt! Dieser nicht ganz
unkomplizierte Anspruch ruft die Tanzschulen auf den Plan – in Wien gibt es davon über 30. Sie sind es,
die die Balleröffnungen organisieren, davor aber den Paaren den tänzerischen Schliff beibringen und
anschließend in bis zu fünf Proben in die Geheimnisse der selbst entworfenen Eröffnungschoreographie
einweihen. Auf die ästhetische Präzision bei den zu tanzenden Figuren wird größten Wert gelegt, auch von
den Debütantinnen – wer möchte schon aus der Reihe tanzen? Das Eröffnungszeremoniell endet bei allen
Nobelbällen mit einem fast militärisch klingenden Aufruf: „Alles Walzer“.
Jetzt sind alle Ballbesucher auf die Tanzfläche eingeladen – sogar der rechts gedrehte Walzer ist wieder
erlaubt...
Die Kulisse des Opernballs ist einmalig. An der prunkvollen Feststiege und im Foyer der
Staatsoper stehen Hunderte von Palmen und Fliederstöcken. Mit Tausenden von Blumen ist auch der Ballsaal
geschmückt. Kaum vorstellbar, dass hier am vorvorletzten Abend noch eine Opernvorstellung stattfand.
Gleich nachdem der Vorhang gefallen ist, beginnen über 300 Handwerker mit dem Umbau. Die Sitzplätze im
Parkett werden abmontiert. Über den Orchestergraben hinweg wird auf Bühnenhöhe ein Tanzboden verlegt. Statt
der sonst üblichen Bühnenkulissen entstehen hier drei Etagen von Bühnen-Logen, um eine Symmetrie zu den
Logenrängen im Zuschauerraum herzustellen. Innerhalb von 13 Stunden entsteht so ein harmonisch-einheitlicher,
festlich in Gold schimmernder Ballsaal.
Der Opernball gehört sicher zu den berühmtesten und elegantesten Bällen weltweit. Die
TV-Liveübertragungen haben seinen Bekanntheitsgrad noch gesteigert. Immer wieder wird er kopiert, von
Istanbul über Tokio bis Boston. Doch nur in Prag und Budapest findet er tatsächlich in der Oper statt.
Die alten Bindungen aus der k. k. Monarchie lassen sich sogar hier erahnen. Wenn auch die anderen Wiener
Nobelbälle kein so breites internationales Echo haben, so besitzt doch jeder ein unverwechselbares
Profil, das teilweise schon über hundert Jahre Tradition hat.
Philharmoniker-Ball, Bonbon-Ball und Wiener Kaffeesieder-Ball
Mit ganz vorn im Renommee steht natürlich der Ball der Wiener Philharmoniker. Dieses
weltberühmte Orchester gibt seinen Ball in dem von vielen als schönster Konzertsaal der
Welt gefeierten „Goldenen Saal“ des Musikvereins, der durch die fast globalen
Fernsehübertragungen des Neujahrskonzerts allseits bekannt ist. Die Wiener Philharmoniker spielen selbst
nur zur Eröffnung. Zum Einzug der Ehrengäste beginnen sie mit der Fest-Fanfare, die Richard Strauss extra
für diesen Ball komponiert hat. Doch dann überlassen sie anderen Kapellen das Feld – schließlich ist es ihr
Ball, auf dem sie selbst tanzen wollen. Es ist vor allem ein Abend für die Mitglieder, Freunde und Gönner.
Schon lange im Voraus ist der Ball ausverkauft.
In der heißen Schlussphase der Ballsaison häufen sich die Traditionsbälle.
Sie treten meist in der gleichen zeitlichen Reihenfolge an: dabei bleibt unumstößlich der letzte Donnerstag
im Fasching dem Opernball vorbehalten. Am nächsten Tag folgen der Bonbon-Ball
und am Samstag der Juristen-Ball sowie am Faschingsmontag die Rudolfina-Redoute.
Der Bonbon-Ball findet als einziges Faschingsfest in dem prunkvollen Wiener Konzerthaus
statt, dessen Hausherren die Wiener Symphoniker sind. In den vier Sälen können 4.000 Gäste tanzen. Aus den
weiblichen Ballbesuchern wählt eine Jury prominenter Society-JournalistInnen die „Miss Bonbon“, die dann mit
Süßigkeiten aufgewogen wird – als Spende für einen sozialen Zeck. Natürlich gibt es auch hier Debütantinnen
in Weiß, doch insgesamt sind die Kleidervorschriften nicht so rigoros und es genügt im Gegensatz zu Opern-
und Philharmoniker-Ball elegante Abendkleidung, also etwa ein dunkler Anzug für die Herren.
Dies kann man von dem angesehenen Ball der Wiener Kaffeesieder nicht sagen. Bei den Einheimischen genießt
der Kaffeesiederball mit seiner besonderen Wiener Note hohe Wertschätzung und gilt fast
schon als kleiner Opernball. Als einziger Ball findet er in allen Sälen der Hofburg statt,
auch in den renovierten Redoutensälen sowie dem eleganten Dachfoyer mit Blick auf das nächtliche Wien. Mit
rund 6.000 Gästen ist er der größte Nobelball im Fasching. Das Eröffnungsprogramm der Kaffeesieder braucht
einen Vergleich mit dem Opernball nicht zu scheuen: Die Debütantinnen erscheinen ebenso festlich und auch
hier tritt das Wiener Staatsopernballett auf, begleitet vom Opernballorchester. Zudem wird jedes Jahr eine
international bekannte Showband eingeladen. Ingesamt sind 15 Orchester, Ensembles und SolistInnen im
Einsatz.
Veranstalten die Kaffeesieder ihren Ball erst seit 1956, so kann der Juristen-Ball – er findet immer am
Faschingssamstag ebenfalls in der Hofburg statt – schon auf eine etwa zweihundertjährige Tradition
zurückblicken. Eröffnet wird er, wie kann es anders sein, vom österreichischen Justizminister. Der
klassisch-elegante Ball ist inzwischen zu einem Treffpunkt von Juristen aus aller Welt geworden. Manche
internationale Organisationen halten daher ihre Tagungen im terminlichen Umfeld zu diesem Ball ab.
Mitternächtlicher Höhepunkt ist wie auf den anderen Nobelbällen auch die Publikumsquadrille, wie sie schon
im 19. Jahrhundert getanzt wurde. Am beliebtesten: die „Fledermaus“-Quadrille von Johann Strauß. Die nicht
ganz unkomplizierten Figuren dieses munteren Paar- und Gruppentanzes werden vorab von einem Tanzmeister
erklärt. Doch nicht selten endet der hurtige Galopp durch freie Schneisen zwischen den Tanzreihen hindurch
in einem herzhaft belachten Chaos. Auf alle Fälle werden die angemüdeten Tanzgeister durch diese Einlage
wieder munter – endet der Ball doch nie vor fünf Uhr morgens.
Johann-Strauss-Ball und Rudolfina-Redoute
Seit 2002 gibt es den Johann-Strauss-Ball – erstaunlich, dass der die Wiener
Faschingsszene musikalisch so bestimmende Walzer-König nicht schon früher einen eigenen festlich-eleganten
Ball bekommen hat. Wie es sich für diesen berühmten Ahnherrn geziemt, ist der junge Ball mit allen
klassischen Insignien versehen: von der Eröffnung mit dem Staatsopernballett bis zur Quadrille und natürlich
mit einer Mitternachtsshow. Doch der berühmte Komponist hätte als heutiger Besucher sicher Verständnis dafür,
dass nicht nur seine damals doch brandneue Musik gespielt wird, sondern auch zeitgenössische Rhythmen
erklingen.
Der letzte der großen Traditionsbälle ist am Rosenmontag in der Hofburg die
Rudolfina-Redoute. Sie wird veranstaltet von der katholischen farbentragenden
Studentenverbindung Rudolfina, benannt nach Herzog Rudolf IV., der 1365 die Wiener Universität gründete.
So alt ist die Balltradition noch nicht, doch bis in die Monarchie reicht sie schon zurück.
Von den früher so zahlreichen Maskenbällen ist nur noch diese Redoute übrig geblieben,
die mit ihrer Maskierung direkt an den Fasching erinnert. Die Herren erscheinen in Frack oder Smoking, und
soweit sie Mitglieder der Verbindung sind, mit Band und „Deckel“, wie die Kopfbedeckung heißt. Die Damen
im großen Abendkleid, viele mit einer die Augen bedeckenden Maske, im Stil der „Fledermaus“-Operette.
Die mit Federn oder Pailletten geschmückten Masken sind oft farblich auf die Abendrobe abgestimmt und
lassen die Damen rätselhaft fremd erscheinen. Dies gibt ihnen den ganzen Abend das Vorrecht der Damenwahl –
bis zur Demaskierungsquadrille um Mitternacht. Danach herrscht bis zum Ballende um fünf Uhr Damen- und
Herrenwahl.
Bei den Bällen hat auch der Schluss seine Tradition. Das Licht im Ballsaal wird heruntergefahren, die
Kapelle intoniert das von Ferdinand Raimund stammende Lied „Brüderlein fein, musst nicht gar so traurig
sein“ und alle noch tapfer Ausharrenden strömen nochmals auf die Tanzfläche zum letzten Tanz... Programm-Ende
der Ballnacht: die würzige Gulaschsuppe im Café Schwarzenberg, Drechsler oder Gräfin vom Naschmarkt – in der
Ballsaison ist schon ab 2, resp. 3 und 4 Uhr geöffnet! Oder eine deftige Stärkung an einem Würstelstand.
Regenbogenball und Life Ball
In einem etwas anderen Dreivierteltakt, doch nicht minder festlich, feiert das schwullesbische Wien.
Beim schillernden Regenbogenball, der seit 1998 im historischen Ambiente des Parkhotels Schönbrunn
stattfindet, zelebrieren Lesben, Schwule und Transgender-Personen ebenfalls den traditionellen Einzug des
Damen- und Herrenkomitees und um Mitternacht die Schweiß treibende Publikums-Quadrille. Das Außergewöhnliche
an diesem Ball sind die zur Schau getragenen Kleider in ihrer kreativen Vielfalt: von klassisch-elegant bis
zu Freestyle oder perfektem 60er-Jahre-Outfit. Zu einem glamourösen Höhepunkt hat sich auch der Rosenball
entwickelt, zu dem die Gay-Community in das Palais Auersperg zieht. Für die schrägen Vögel der Stadt gilt
hier nur eine Kleidervorschrift: auf jeden Fall auffallen.
Auch zwei Charity-Events bereichern die Wiener Ball-Szene. Zum einen seit 1995 der Wiener
Flüchtlingsball, ebenfalls in der Faschingszeit. Unter dem Ehrenschutz des Bürgermeisters findet er
mit einem multikulturellen Musik-Angebot im Wiener Rathaus statt. Der Erlös soll die Beherbergung von
Flüchtlingen im Wiener Integrationshaus finanzieren helfen. Schon zwei Jahre älter ist der Life Ball,
der im (Früh)sommer stattfindet und diverse Aids-Hilfsorganisationen unterstützt. Er ist Österreichs größtes
Mode-Ereignis in und vor dem Wiener Rathaus. Einer der Höhepunkte des Abends ist die Modeschau weltweit
renommierter Designer – im Freien vor mehr als 40.000 Zuschauern von Top-Models, aber auch von
internationaler Prominenz vorgeführt. In sämtlichen Sälen und Höfen des Rathauses wird anschließend ein
vielfältiges Entertainment geboten: Live-Auftritte internationaler Stars, Performances, Dancefloors sowie
ein reichhaltiges gastronomisches Angebot. Der Life Ball will ein opulentes offenherziges Fest des Lebens
sein. Dazu eignet sich das lebensfrohe Wien sehr gut als Plattform!
Quelle: WienTourismus
Autor: Dr. Norbert Linz
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