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Wein in Wien
Wien ist Weinstadt
Der Wein gehört zu Wien – so wie der Stephansdom, Schloss Schönbrunn und die Sängerknaben. Doch den
Wiener Wein gibt es nicht nur beim traditionellen Heurigen – vielmehr ist er dabei, die ganze Stadt zu
erobern.
Wien und Wein gehören zusammen. Denn Wien hat Weinbau mit nennenswerten Produktionsmengen innerhalb der
Stadtgrenzen und das als einzige Hauptstadt der Welt, was ihn geradezu zum Wahrzeichen macht. Aber er ist
mehr als das: ein Wirtschaftsfaktor, ein prägendes Element des Stadtbilds, ein Beitrag zum urbanen Ökosystem,
aber nicht zuletzt auch zum Wohlbefinden der Menschen – das gilt für Einheimische ebenso wie für Gäste.
Nachdem man jedoch über viele Jahre, ja Jahrzehnte, den Wiener Wein fast ausschließlich in Verbindung mit
dem Heurigen gesehen hat, ist er in der Bundeshauptstadt inzwischen buchstäblich in aller Munde. Wien
profiliert sich immer stärker als Weinbauregion, der Wiener Wein steht alljährlich im Mittelpunkt zahlreicher
Veranstaltungen, und er hat seinen fixen Platz in vielen Weinbars, Vinotheken und Lokalen der Stadt gefunden.
Kurzum: Es ist leicht, dem Wiener Wein zu begegnen – und ihn zu genießen.
Der Wiener Heurige
Traditionell wird der Wiener Wein größtenteils beim Heurigen getrunken. Das heutige Buschenschankrecht
geht auf eine Verordnung des damaligen Kaisers Josef II. aus dem Jahr 1784 zurück, in der er den Winzern
erlaubte, Wein aus eigener Erzeugung auszuschenken. Erkennbar ist der echte Wiener Heurige an der
„Ausg’steckt“-Tafel und am Föhrenbuschen, der gleichzeitig anzeigt, wann das Lokal geöffnet ist. Diese
beiden Symbole garantieren auch, dass hier ausschließlich Eigenbauweine aus Wiener Weinrieden ausgeschenkt
werden. Die ungezwungene Atmosphäre, die Gärten am Rande der Stadt, der gute Wein und die feinen Schmankerln
machen den Heurigen zu einem beliebten Ausflugsziel für ein bunt gemischtes Publikum. Doch das Wort
„Heuriger“ hat noch eine zweite Bedeutung: Es steht für den Wein vom aktuellen Jahrgang, der pünktlich zu
Martini (11. November) zum „Altwein“ wird.
Wien als Weinregion
Wien ist nicht nur Bundesland und Bundeshauptstadt, sondern auch eine eigenständige Weinregion mit einer
Rebfläche von etwa 700 Hektar. Rund 80 Prozent dieser Fläche sind mit Weißweinreben bestockt, wobei Sorten
wie Riesling, Weißburgunder, Grüner Veltliner, Sauvignon blanc oder Gelber Muskateller ausgesprochen
fruchtige und elegante Weine bringen. Zunehmend werden von den Wiener Winzern jedoch auch Rotweine – allen
voran Zweigelt und St. Laurent, aber auch trendige internationale Sorten wie Merlot, Pinot noir und Syrah –
gekeltert. Geprägt wird der Wiener Wein sowohl von pannonischen Klimaeinflüssen, denen er die Reife verdankt,
als auch von kühlen Winden aus dem Norden, die ihm Frische und Fruchtigkeit verleihen. Ein perfektes
Zusammenspiel der Kräfte, aus dem fruchtig-elegante Weine entstehen, die viel Trinkspaß bereiten und sich
perfekt als Speisenbegleiter zur Heurigenjause oder zur Wiener Küche eignen.
Ausgezeichnet und naturnah
Darüber hinaus keltern aber immer mehr Wiener Winzer hervorragende Bouteillenweine, die auch in der
Wiener Gastronomie großen Anklang finden. Regelmäßige Auszeichnungen bei Verkostungen renommierter
Fachmagazine und im SALON Österreichischer Wein bestätigen die hohe Qualität dieser Weine. In den
Paradedisziplinen Riesling und Weißburgunder konnten Produzenten aus Wien bereits des Öfteren die besten
Weine des Landes stellen. Gerade durch die Nähe zur Stadt ist den Wiener Winzern eine möglichst naturnahe
und nachhaltige Bewirtschaftung ihrer Weingärten ein besonders wichtiges Anliegen. Manche gehen noch einen
Schritt weiter. So bewirtschaftet Wiens Paradewinzer Fritz Wieninger seine Weingärten ausschließlich
biodynamisch, Newcomer Stefan Hajszan hat ebenfalls auf biodynamische Bewirtschaftung umgestellt und
Quereinsteigerin Jutta Ambrositsch experimentiert in mehreren Weingärten mit der Biodynamie. Das bedeutet
den völligen Verzicht auf systemische Spritzmittel und Pflanzenschutz durch natürliche Extrakte wie Tees,
die im Sinne der Homöopathie zur Stärkung der Pflanzen ausgebracht werden.
Der Gemischte Satz – eine Wiener Spezialität kehrt zurück
Eine Besonderheit unter den Wiener Weinen ist der so genannte „Gemischte Satz“. Bereits im 19.
Jahrhundert, als in den meisten anderen österreichischen Weinbaugebieten eher Massenträger zum Zug kamen,
setzte man in Wien auf Edelrebsorten wie Riesling, Rotgipfler, Weißburgunder und Traminer. Diese wurden
zusammen mit etlichen weiteren Sorten im Weingarten gemischt ausgepflanzt. Dadurch entstanden nicht nur
sehr vielschichtige und komplexe Weine, die verschiedenste Eigenschaften wie Frische, Fruchtigkeit oder
Körperreichtum in sich vereinigen konnten, sondern der Winzer hatte auch stets einen relativ sicheren
Ertrag: Durch die unterschiedlichen Blütezeitpunkte der Sorten führten auch widrige Witterungsumstände
während der Blütezeit nie zu einem Totalausfall der Ernte sondern höchstens zu Einbußen bei bestimmten
Sorten. Nachdem dieser Gemischte Satz sehr lange ein Schattendasein als einfacher Schankwein beim Heurigen
gefristet hatte, erlebt er nun seit einigen Jahren wieder eine Renaissance. Dieser besonders typische und
charakteristische Wiener Wein wird sowohl als leichter, süffiger Tropfen als auch in Form von kraftvollen
und komplexen Top-Wein in die Bouteille gefüllt.
WIENWEIN – gemeinsam für den Wiener Wein
Mit Rainer Christ, Michael Edlmoser, Fritz Wieninger und Richard Zahel haben sich vier der besten und
engagiertesten Winzer von Wien im Jahr 2006 zur Gruppe „WIENWEIN“ zusammengeschlossen. Was die vier Winzer
verbindet, ist das bedingungslose Bekenntnis zur Qualität, der Enthusiasmus und das Engagement für den Wein,
die weit über den eigenen Glasrand hinausgehen. Gemeinsam wollen sie neue Qualitätsstandards für den Wiener
Wein definieren, seinen besonderen Charakter klar herausarbeiten und diese Botschaft sowohl auf der
nationalen als auch auf der internationalen Ebene verbreiten. Ein großes Anliegen ist der Gruppe die
Wiederbelebung des klassischen Wiener Gemischten Satzes, für die sie sich massiv einsetzen.
Die Arbeit geht dabei einerseits nach innen, wo unter Beiziehung von externen Weinexperten sehr viel an der
Qualität des Weines sowie den Inhalten und der Strategie für Gruppenaktivitäten gearbeitet wird. Andererseits
präsentieren die Winzer bei zahlreichen Events ihre Weine und vermitteln im direkten Kontakt zu Fachleuten
und Publikum ihre ganz persönliche Einstellung zum Wiener Wein nach dem Credo: „Wiener Wein ist einfach
mehr!“ Einmal jährlich präsentieren die Winzer von WIENWEIN ihre Weine in der Wiener Secession.
Wein & Architektur
Auf der Basis gewachsener Traditionen hat sich der Weinbau in Wien in den vergangenen Jahren rasant
modernisiert. Sichtbares Zeichen dafür sind auch architektonisch anspruchsvolle Kellerbauten und
Heurigenlokale neuen Stils. Die besondere Lage in der Stadt machte es dabei erforderlich, bestehende
Bausubstanz sinnvoll und auch optisch gelungen mit neuen und zweckmäßigen Bauteilen zu verbinden. So
geschehen etwa bei Fritz Wieninger in Wien-Stammersdorf, der einen alten Klosterkeller restauriert und
mit einem kompromisslos modern gestalteten Arbeitstrakt kombiniert hat. Sehenswert auch das Weingut und
der Heurige von Rainer Christ in Wien-Jedlersdorf. Mit viel Stein, Sichtbeton, Glas und Holz wurde hier
ein Kellerneubau geschaffen, der allen Anforderungen der heutigen Weinbereitung entspricht. Zusätzlich
wurde ein neuer, schlicht aber doch gemütlich gestalteter Heurigenbereich gebaut, der einen reizvollen
Kontrast zum bestehenden, traditionellen Heurigen bildet. Ganz auf Transparenz setzt Stefan Hajszan, ein
Quereinsteiger, der in Wien-Heiligenstadt sein Weingut samt Weinrestaurant betreibt. Von den Gasträumen
aus hat man einen freien Blick in die weitläufigen Backsteingewölbe des Kellers und ins Presshaus und
kann so dem Wein hautnah bei seiner Entstehung zuschauen, während man ihn genießt. Eine moderne
Interpretation des klassischen Heurigenlokals findet man dagegen bei Hans Peter Göbel in der Stammersdorfer
Kellergasse und bei Johannes Wiltschko in Wien-Mauer. Göbel hat als gelernter Architekt die Einrichtung
seines Lokals selbst geplant und statt dunklem Holz und barocker Elemente auf Helligkeit sowie schlichte
und klare Linien gesetzt. Wiltschko ging noch einen Schritt weiter: Mit Blick auf den Weingarten sitzt
man hier in Wiens erster „Heurigen-Lounge“ mit komfortabler Bestuhlung, ledernen Eckbänken und einer
Sitzbar für schnelle Gäste inmitten des Raumes. Die fühlen sich hier wohl, denn die Materialwahl und
ausgeklügelte Beleuchtungseffekte sorgen für gemütliche Atmosphäre.
Weinkalender – Events rund um den Wiener Wein
Wein gibt es in Wien schon seit mehr als 2.000 Jahren – doch im vergangenen Jahrzehnt hat sich die
Donaumetropole tatsächlich zur Weinstadt entwickelt. Der edle Rebensaft steht im Mittelpunkt zahlreicher
Veranstaltungen in den traditionellen Weinbauorten in Wien wie Stammersdorf, Grinzing oder Sievering,
aber auch mitten in der Stadt. Den Auftakt macht der Weinfrühling ab Mitte März mit der Eröffnung der
Heurigengärten, Weindegustationen, Rebblütenwanderungen und musikalischen Veranstaltungen beim Heurigen
vom Jazzbrunch bis zu Volks- und Schrammel-Musikabenden. Im Mai gibt der Wiener Heurige dann mit dem
„Heurigendorf auf der Freyung“ ein Gastspiel mitten in der Stadt: Winzer und Mitarbeiter von rund zwanzig
Wiener Weinbaubetrieben sorgen während des verlängerten Wochenendes für das leibliche Wohl von mehreren
tausend Besuchern. Höhepunkt des Weinjahrs ist der Ende Juni stattfindende Wiener Weinpreis und die daran
anschließenden Weintage im Arkadenhof des Rathauses. Im Rahmen einer festlichen Veranstaltung werden die
Landessieger von Bürgermeister Michael Häupl persönlich ausgezeichnet. Im Arkadenhof haben Gäste dann vier
Tage lang die Möglichkeit, die besten Weine Wiens gemeinsam mit erlesenen Köstlichkeiten aus der Küche von
Wiens Top-Köchen zu genießen. Im Oktober gastiert der Wiener Wein dann noch einmal in der Stadt: Der „Junge
Wiener“ lockt als erster Vorbote des neuen Weinjahrganges alljährlich zahlreiche Besucher in die
Innenstadt.
Wien bietet aber nicht nur dem Wiener Wein eine Bühne, sondern ist regelmäßig Schauplatz internationaler
Wein-Großveranstaltungen: Im Zwei-Jahres-Rhythmus trifft sich die Weinszene auf der internationalen
Weinmesse „Vievinum“ im noblen Rahmen der Wiener Hofburg (www.mac-hoffmann.at). Und mit der „AWC Vienna“
International Wine Challenge hat der engagierte Jungwinzer Michael Edlmoser innerhalb weniger Jahre die
zweitgrößte Weinverkostungs- und -prämierungsveranstaltung der Welt in Wien installiert. Die Siegerweine
werden alljährlich im Herbst im Rahmen einer „Galanacht des Weines“ im Festsaal des Wiener Rathauses
präsentiert.
Wiener Wein: Eine lange Geschichte – kurz gefasst
Traubenkernfunde belegen, dass bereits die Kelten und Illyrer ab 500 vor Christus im Wiener Raum Wein
herstellten. Doch erst die Römer brachten einen kultivierten Weinbau in die Stadt, in dem sie Edelreiser
aus Italien auf die bestehenden Rebstöcke aufpfropften. Kaiser Probus (232-282 n. Chr.) hob das damals für
Gebiete nördlich der Alpen geltende Weinanbauverbot auf und erlaubte seinen Legionären, selbst Reben zu
pflanzen und Wein zu keltern. Über den Weinbau in Wien nach der Römerzeit gibt es praktisch keine
Aufzeichnungen, doch im späten Mittelalter war der größte Teil der späteren Wiener Bezirke von Weinreben
bewachsen. Die Bürger Wiens besaßen damals, im 12. und 13. Jahrhundert, bereits Weingärten innerhalb und
außerhalb der Stadt, die sich bis zum 16. Jahrhundert erhalten haben.
Durch die Nähe der Weingärten zu den bewohnten Gebieten hat sich in Wien schon sehr früh eine besondere
Form des Weinabsatzes, der „Heurige“ entwickelt, wobei nicht ganz klar ist, wann eigentlich der erste
Heurigenwirt sein Lokal aufgesperrt hat. Ausgeschenkt wurde damals in den Kellern und Bürgerhäusern in
und vor der Stadt. Mit der Verbauung nach der ersten Türkenbelagerung von 1529 und dem großen Wiederaufbau
nach der zweiten Türkenbelagerung von 1683 wurde der Heurigenschank immer mehr in die Vororte gedrängt,
wo er sich bis heute hält, inmitten der Weingärten, die als Reste des einst großen Reichtums verblieben
sind.
Getrunken wurde im Mittelalter kräftig - einer Schätzung zufolge war in Wien während des späten Mittelalters
der Weinverbrauch etwa sechsmal so hoch wie heute. Allein in den Buschenschänken wurden gegen Ende des 16.
Jahrhunderts durchschnittlich 120 Liter pro Kopf der Wiener Bevölkerung getrunken. Auf den großen Rausch
folgte die allmähliche Ernüchterung. Weinbaufläche und Weinkonsum gingen immer stärker zurück und im Jahr
1815 tranken die Wiener „nur“ noch 87 Liter pro Kopf und Nase. 1870, kurze Zeit vor der Reblauskatastrophe,
die viele Wiener Winzer um ihre Existenz bringen sollte, war der Konsum gar auf 40 Liter gesunken, was unter
anderem auf die verschärfte Steuerpolitik, die Einführung des Zapfmaßes, sowie das Aufkommen von Kaffee und
Bier als Konkurrenz zurückzuführen war.
Quelle: WienTourismus
Autor: Klaus Egle, Journalist undAutor (Wein & Kulinarik)
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